Dienstag, 23.06.2015

Alles ist möglich mit Diabetes

Erkrankte Kinder und Jugendliche müssen „Spielregeln“ beachten

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Freuten sich über viele interessierte Besucher und ihre Fragen beim FranziskusForum „Das Leben mit Diabetes mellitus“ (v.l.): Dr. Ralph Ziegler, Praxis für Kinder- und Jugendmedizin, Diabetologische Schwerpunktpraxis in Münster, Dr. Ulrike Teßarek, Netzwerkmanagerin im St. Franziskus-Hospital, PD Dr. Michael Böswald, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im St. Franziskus-Hospital, Dr. Birgit Heßmann, Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie im FranziskusCarré, Dr. Dirk Lammers, Diabetologische Schwerpunktpraxis im FranziskusCarré, Nehle Jacobs, Diabetesberaterin in der Diabetologischen Schwerpunktpraxis für Kinder und Jugendliche, Dr. Mark Keller, Oberarzt der II. Medizinischen Klinik im St. Franziskus-Hospital, Marita Thoben, Kinderkrankenschwester in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im St. Franziskus-Hospital, Thomas Kuhlmann, Diabeticus und Sabine Olbrich, Diabetesberaterin in der Diabetologischen Schwerpunktpraxis im FranziskusCarré.

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Vor rund 100 Besuchern präsentierten jetzt Fachärzte verschiedener Disziplinen aus dem St. Franziskus-Hospital und dem FranziskusCarré in der Reihe „FranziskusForum“ Wissenswertes zum Leben mit Diabetes im Kindes- und jungen Erwachsenenalter. Kleine und große Patienten, Eltern, Großeltern, Betreuer, Lehrer und viele Interessierte folgten zunächst den einleitenden Worten von Dr. Ralph Ziegler aus der Diabetologischen Schwerpunktpraxis für Kinder- und Jugendliche: „Diabetes mellitus Typ 1 tritt häufig bei Kindern und Jugendlichen auf: Rund 33.500 Kinder bis 15 Jahren sind bundesweit betroffen.“ Diabetes, häufig auch als ‚Zuckerkrankheit‘ bezeichnet, ist eine chronische Autoimmun-Entzündung, die die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört; daher leiden die Patienten unter absolutem Insulinmangel. Mindestens vier Mal täglich muss Insulin gespritzt werden. Die Häufigkeit und Menge der Insulingabe, meist per Insulinpen oder Insulinpumpe verabreicht, wird jeweils anhand der Blutzuckerwerte und der Mahlzeiten berechnet. Diabetes mellitus gilt als unheilbar, der Auslöser ist noch unbekannt. Es besteht jedoch eine genetische Disposition: Kinder oder Geschwister eines Patienten mit Typ 1 Diabetes haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko.

Dr. Ziegler betonte in seinem anschließenden Vortrag zur Betreuung von Kindern mit Diabetes: „Für die Betroffenen, die die ‚Spielregeln‘ beachten, ist auch mit Diabetes in jedem Lebensalter alles möglich, ob Sport, Klassenausflüge, Übernachtungen oder Schwimmbadbesuche.“ Neben der meist gut informierten Patienten und ihren Familien können auch Betreuer in Kita, Schule oder Freizeit nach einer Schulung nahezu immer gut mit der Erkrankung umgehen. Dabei kann zum Beispiel ein ‚Bolusrechner’ helfen, mit dem eine einfache Berechnung der Insulinmenge unter Berücksichtigung aller Faktoren möglich ist. „Die Therapiemöglichkeiten mit einem Bolusrechner, der auch direkt mit einer Insulinpumpe verbunden sein kann, oder mit neuen Verfahren wie der ‚kontinuierlichen Glukosemessung‘ (CGM), sind sehr gut“, erläuterte Dr. Ziegler.

Die Frage vieler pubertierender Jugendlicher -und vieler Eltern- lautet: „Wie kann ich das alles schaffen?“. Beantwortetet wurde sie von PD Dr. Michael Böswald, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im St. Franziskus-Hospitals. „Der Umgang mit der Krankheit erfordert auf Seiten der Jugendlichen viel Disziplin in der Lebensführung. Zum Beispiel müssen betroffene Jugendliche die Hilfsmittel zur Blutzuckertestung und Therapie bei sich führen“, berichtete er. Pubertierende interessierten sich jedoch meist wenig für Themen wie Schule, einer Struktur im Tagesablauf, dem Planen der Zukunft oder der Übernahme von Verantwortung. Zur erforderlichen Selbstdisziplin gehörten täglich mehrfache Blutzucker-Bestimmungen, Insulin-Injektionen und die Dokumentation aller Blutzuckerwerte und Therapieschritte. Die Insulindosis bzw. der Kohlenhydratanteil pro Mahlzeit muss bestimmt werden und mit der körperlichen Aktivität wie Sport, Schularbeit, Ausschlafen abgestimmt werden. „Einfluss auf das Gelingen der Therapie haben auch Faktoren wie Alkoholkonsum, Schlafdefizite, Stress oder Infektionen. Für Eltern und Kinder gelte aber bei aller Sorge um die Gesundheit gleichermaßen: Diabetes darf nicht das Hauptthema im Alltag sein, es gibt noch ein Leben neben dem Diabetes“, appellierte er an die Familien.

Nach einer Diabetes-Diagnose lassen sich viele Familien von der Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie von Dr. Birgit Heßmann im FranziskusCarré beraten. Die Gratwanderung zwischen der elterlichen Pflicht zur Versorgung und dem Wunsch nach  Autonomie bei Kindern und Jugendlichen spielt bei der Bewältigung der Erkrankung immer wieder eine wichtige Rolle: „Mit der Diagnose ‚Diabetes mellitus’ beginnt für Familien häufig eine schwierige Zeit, in der sich die Eltern und das Kind damit auseinandersetzen müssen, dass die Erkrankung lebenslang bestehen bleibt und viele Veränderungen mit sich bringt“, berichtete Dr. Heßmann. Kinder bis fünf Jahre gingen mit der Erkrankung häufig erstmal unbedarft um, bei Kindern im Grundschulalter stünden sich dann der beginnende Wunsch des Kindes nach Autonomie und die elterlichen Sorge um das Wohlergehen, zum Beispiel bei mehrtägigen Klassenfahrten, gegenüber. Pubertät und Diabetes passten gar nicht zusammen und regelmäßige Konflikte, wie um die Verlässlichkeit beim Messen des Blutzuckerspiegels, seien häufig unvermeidbar. „Nach einer Diabetes-Diagnose beobachten wir zuweilen auch ein gehäuftes Auftreten psychischer Störungen wie Depressionen oder Ess- oder Angststörungen“, erläuterte Dr. Heßmann. Sie forderte: „Kinder und Jugendliche –ob mit oder ohne Diabetes- haben in der Pubertät viele Entwicklungsaufgaben zu bewältigen und sollten dabei von ihrem gesamten Umfeld  unterstützt werden.“

Bei der Berufswahl und Familienplanung stehen auch junge Erwachsenen mit Diabetes vor der Frage: „Was wird aus mir?“. Dr. Dirk Lammers aus der Diabetologischen Schwerpunktpraxis im FranziskusCarré widmete sich diesem Zusammenhang und erläuterte: „Bei der Wahl und Ausübung eines Berufes haben Patienten mit Diabetes kaum Einschränkungen. Bei manchen Berufen  müssten sie allerdings in Erwägung ziehen, dass sie wegen des  möglichen Risikos einer  Unterzuckerung nicht geeignet sein könnten,  zum Beispiel, wenn  eine hohe Selbst- oder Fremdgefährdung durch eine Unterzuckerung drohen könnte. Das wäre etwa beim Beruf des Piloten oder Führers großer Maschinen der Fall.“ Der Erwerb des Führerscheins ist für Menschen mit Diabetes dagegen grundsätzlich unproblematisch. Dr. Lammers berichtete zudem, dass das Risiko für Komplikationen in der Schwangerschaft bei Diabetespatientinnen, die gewissenhafte Vorsorge betrieben, nur minimal erhöht sei.

Dr. Mark Keller, Oberarzt in der II. Medizinischen Klinik des St. Franziskus-Hospitals, lenkte den Blick auf mögliche Folgeerkrankungen und die Notfallversorgung bei Komplikationen. „Bei Patienten mit Diabetes Typ 1 treten Notfälle entweder als Folge eines Insulinmangels (hyperglykämischer Notfall) oder einer Insulinüberdosierung (hypoglykämischer Notfall) auf. Beide Ausprägungen sind potenziell lebensbedrohlich“, betonte Dr. Keller. Wer zu Hause eine Hyperglykämie erleide, benötige viel Flüssigkeit und sollte je nach Bewusstseinszustand zügig einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen. „Im Zweifelfall sollten die Betroffenen und Angehörigen auch einen Notruf nicht scheuen“, empfahl er. Wer nach einer Insulinüberdosierung hypoglykämische Symptome wie zum Beispiel Schwitzen, Heißhunger oder Reizbarkeit zeigt, sollte 20 bis 30 Gramm Glukose, etwa in Form von Traubenzucker oder Apfelsaft zu sich nehmen. Dr. Keller ging abschließend auf Diagnostik und Therapie bei häufigen Folgeerkrankungen von Patienten mit Diabetes ein, wie Beeinträchtigungen der Nierenfunktion, Erkrankungen der peripheren Nerven oder der Beeinträchtigung des Sehvermögens.

An den Infoständen stellte sich unter anderem „Diabeticus“ vor, der Selbsthilfe-Förderverein in Münster und Umgebung, der Kinder und Jugendliche mit Diabetes und deren Familien unterstützt (www.diabeticus-online.de).